RCEP ist ein Freihandelsabkommen, das von den zehn ASEAN-Staaten unter Beteiligung Chinas, Japans, Südkoreas, Australiens und Neuseelands initiiert wurde. Es trat am 1. Januar 2022 offiziell in Kraft und wurde nach seinem Inkrafttreten auf den Philippinen am 2. Juni 2023 in allen 15 Unterzeichnerstaaten vollständig wirksam. Mit einer Reichweite von rund 30 % der Weltbevölkerung und -wirtschaft ist es derzeit das größte Freihandelsabkommen der Welt.
Im fünften Jahr seiner Umsetzung bietet RCEP der Stahlrohr-Außenhandelsindustrie vielfältige Vorteile; die wichtigsten Vorteile liegen in der Senkung der Zölle, den Ursprungsregeln (Kumulierung) und den durch die regionale Integration entstehenden zusätzlichen Marktchancen.
Im Hinblick auf die Stahlrohrindustrie sind die Auswirkungen insbesondere in folgenden Bereichen deutlich erkennbar:
Zollsenkungen: Spürbare Senkung der Exportkosten, deren Vorteile sich weiterhin realisieren.
Die Senkung der Zölle stellt den direktesten und quantifizierbarsten Vorteil dar, der insbesondere für den Export von Stahlrohren von entscheidender Bedeutung ist, einem Sektor, der typischerweise durch niedrige Gewinnmargen gekennzeichnet ist.
Am Beispiel des ASEAN-Marktes lässt sich zeigen: Die Einfuhrzölle auf Stahlrohre in einigen ASEAN-Ländern (wie Indonesien und Thailand) wurden deutlich gesenkt. So sank beispielsweise der Einfuhrzoll für spiralgeschweißte Stahlrohre von durchschnittlich 8 % auf unter 3 %. Zwar dauert die Senkung bei einigen Produkten mit hoher Wertschöpfung länger (beispielsweise benötigt Thailand 10 Jahre, um den Zoll auf nahtlose Rohre auf null zu senken), doch der Gesamttrend ist positiv.
Produktspezifische Senkungen: Thailand erhebt beispielsweise Zölle auf nahtlose Stahlrohre für die Öl- und Gasindustrie (HS-Code 730419), die aus China importiert werden. Der Basiszollsatz beträgt lediglich 1 % und sinkt seit Inkrafttreten des RCEP jährlich um 0,1 %, bis er im zehnten Jahr null erreicht. Durch die Senkung der Zölle reduziert das RCEP direkt den Endpreis chinesischer Stahlrohrprodukte in den Mitgliedsmärkten und stärkt so die Wettbewerbsfähigkeit.
Ursprungsregeln (Kumulation): Vertiefung der regionalen Zusammenarbeit in der Lieferkette und flexible Nutzung der politischen Vorteile.
Dies ist die wertvollste institutionelle Neuerung des RCEP, da sie die Voraussetzungen für den Erhalt von Zollpräferenzen grundlegend senkt.
Der „Kumulationseffekt“: Im Rahmen des RCEP-Abkommens kann ein Produkt eines Mitgliedstaats Rohstoffe aus anderen Mitgliedstaaten enthalten, die bei der Berechnung der Herkunftsanforderungen allesamt als Ursprungsmaterialien gelten. Beispielsweise können in China mit Spezialstahl aus Japan oder Südkorea verarbeitete Stahlrohre nach den RCEP-Regeln weiterhin als regional hergestellt gelten und somit für Zollsenkungen in Frage kommen. Dies durchbricht die traditionelle Freihandelsabkommensvorgabe, dass der gesamte Produktionsprozess innerhalb eines einzigen Landes stattfinden muss.
Praktischer Leitfaden: Unternehmen müssen Kernmechanismen wie „regionale Kumulierungsregeln“, „Back-to-Back-Ursprungszeugnisse“ und „zugelassene Ausführererklärungen“ beherrschen und das RCEP-Formular R-Zertifikat voll ausschöpfen, um von Zollsenkungen zu profitieren.
Online-Verifizierung: Neue Vorschriften, wie die Online-Verifizierung von RCEP-Ursprungszeugnissen, wurden eingeführt (vollständige Umsetzung bis 2026). Unternehmen müssen die Echtheit, Richtigkeit und Konformität ihrer Deklarationsdaten gewährleisten, um die strengeren regulatorischen Standards zu erfüllen.
Marktzugang und Nachfrage: Erschließung des riesigen regionalen Marktes und Nutzung von Infrastrukturchancen
Die durch RCEP vorangetriebene regionale Wirtschaftsintegration hat den chinesischen Stahlrohrunternehmen breitere Märkte eröffnet, insbesondere in Südostasien, wo die Nachfrage robust ist.
Infrastrukturgetriebene Nachfrage in Südostasien: Großprojekte wie der Bau der neuen indonesischen Hauptstadt (mit einem geschätzten Stahlverbrauch von insgesamt 9,5 Millionen Tonnen), Thailands Schienenverkehrssysteme und die Entwicklungen entlang der China-Laos-Eisenbahn treiben die Nachfrage nach Stahlrohren weiterhin an. Im Jahr 2025 erreichten die Stahlexporte in die ASEAN-Staaten für einige chinesische Stahlunternehmen einen Anteil von bis zu 56,8 % an den Gesamtexporten, wodurch die ASEAN-Region zu einem wichtigen Wachstumsmarkt wurde.
Multilaterale Marktexpansion: Das RCEP-Rahmenwerk erleichtert Unternehmen auch die Expansion in aufstrebende Infrastrukturmärkte im Nahen Osten und in Zentralasien. Durch die Weiterverarbeitung in RCEP-Mitgliedsländern (wie beispielsweise Thailand) können chinesische Unternehmen Ursprungsregeln nutzen, um Produkte (wie Flansche) zollfrei nach Japan und Südkorea zu exportieren und so indirekte Exporte zu erzielen.
Marktdiversifizierung: Die zunehmende Umsetzung des RCEP hilft chinesischen Stahlrohrunternehmen, ihre Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu verringern und eine Marktdiversifizierung zu erreichen. Einige Unternehmen konnten ihren ASEAN-Marktanteil bereits durch die Nutzung der RCEP-Zollpräferenzen auf 40 % steigern.
Wettbewerb und Compliance: Herausforderungen meistern und langfristige Vorteile aufbauen
Mit Chancen gehen auch Herausforderungen einher, die Unternehmen anerkennen und aktiv angehen müssen.
Zunehmende Handelskonflikte: Da der Marktanteil chinesischer Stahlrohre in der RCEP-Region wächst, haben einige Länder begonnen, handelspolitische Schutzmaßnahmen zu ergreifen. So hat Vietnam beispielsweise Antidumpinguntersuchungen gegen bestimmte chinesische Stahlprodukte eingeleitet, und Japan hat eine vorläufige Antidumpingentscheidung bezüglich feuerverzinkter Stahlbänder und -bleche aus China erlassen.
Aufbau von Compliance-Kompetenzen: Im Kontext von RCEP entwickeln sich Kompetenzen im Bereich Nachhaltigkeit und Compliance zu neuen Wettbewerbsvorteilen. Unternehmen müssen sich mit den RCEP-Regeln und den Marktzugangsvoraussetzungen in verschiedenen Ländern vertraut machen, robuste Nachweisketten für CO₂-Daten aufbauen und die Einhaltung von Umweltstandards zu einem zentralen Wettbewerbsvorteil ausbauen.
Die im fünften Jahr der RCEP-Umsetzung erzielten Vorteile sind struktureller Natur; der Schlüssel liegt darin, wie man sie systematisch erfassen kann.
Regeln proaktiv nutzen: RCEP-Ursprungszeugnisse effektiv einsetzen, Lieferkettenkonfigurationen optimieren, Zollkosten senken und die Preiswettbewerbsfähigkeit steigern.
Wachstumsmärkte intensiv fördern: Fokus auf ASEAN-Märkte mit starker Nachfrage nach Infrastruktur – wie Indonesien, Vietnam und Thailand – und die Chancen nutzen, die sich aus der Synergie zwischen der Belt and Road Initiative und RCEP ergeben.
Überwachung von Compliance-Risiken: Bei der aktiven Expansion in neue Märkte sollten Handelshemmnisse wie Antidumpinguntersuchungen in verschiedenen Ländern genau überwacht und ein gesetzeskonformer Geschäftsbetrieb sichergestellt werden.
Aufbau grüner Wettbewerbsfähigkeit: Angesichts grüner Handelshemmnisse wie des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), die neben den Vorteilen des RCEP bestehen, sollten Unternehmen Fähigkeiten zur Berechnung des CO2-Fußabdrucks ihrer Produkte entwickeln und „grüne Stahlrohre“ in einen neuen Wettbewerbsvorteil verwandeln.
Veröffentlichungsdatum: 11. August 2026